Facharbeit: Wertevermittlung über einen Stuhl - Erschienen: ZWP-Designpreisausgabe 2012

 

Eine Praxis besteht aus vielen einzelnen Komponenten, die alle dazu beitragen, ein Praxisunternehmen wie eine durchdachte Einheit aussehen zu lassen. Auch wenn ein Stuhl im ersten Moment nur ein kleines Detail in der Praxiseinrichtung darstellt, so sollte gerade diesem Detail eine besondere Beachtung geschenkt werden. Für jedes Unternehmen gibt es die passenden Stühle, die sogar der Unternehmensidentität dienen können. Der Autor erklärt, welche Identität und Aussage sich hinter gewissen Designerstühlen verbergen und warum sich die Auseinandersetzung mit diesem Thema lohnt.


Eero Saarinen, Quelle: Knoll International

 

In dem letzten Jahrhundert war der Stuhl hinter dem Auto das Industrieprodukt, das Gestalter am intensivsten beschäftigt hat. Fest steht auch, das der Stuhl das meist gesammelte Möbelstück weltweit ist. Also handelt es sich um ein besonderes Möbelstück. Im Wachsein verschafft kein anderes Möbel eine größere körperliche und somit auch psychische Verbindung als der Stuhl. Der Stuhl dient dem Ausruhen, Arbeiten, Warten, der Unterhaltung und zum Essen.

Die Faktoren, die den Wartebereich einer Praxis betreffen, möchten wir hier genauer erläutern. Ein Empfangstresen ist das, was ein Patient als erstes sieht und demnach steht der Tresen bzw. der Empfangsraum als Repräsentant für ein Praxisunternehmen. Aus Erfahrung kann man sagen, dass Ärzte diesem Bereich die größte Aufmerksamkeit schenken. Dabei vernachlässigen sie aber oft den Warte- und Behandlungsraum. Im Warteraum finden die Patienten Zeit, sich die Details ungestört anzuschauen und auf sich wirken zu lassen. Hier kann der erste positive Eindruck, für den es bekanntlich keine zweite Chance gibt, manifestiert werden oder auch in Widerspruch geraten.


In einem fremden Umfeld sitzend auszuharren, bereitet den meisten Menschen kein besonderes Vergnügen. Kommen Schmerzen zum Sitzen und Warten hinzu, dann kann es auch quälend werden. In keiner anderen medizinischen Einrichtung hat man es so oft mit Angstpatienten zu tun wie in einer Zahnarztpraxis. Daher sollte die Inneneinrichtung der meisten Zahnarztpraxen unter Berücksichtigung solcher Kriterien eingerichtet werden und ein Stuhl ist ein wichtiges Element in dieser Kette.


Ein Stuhl oder besser Sessel der seinen Nutzer zum entspannen einlädt, der beschützend und gemütlich zugleich ist, ist hier die beste Lösung. Armlehnen verschaffen Distanz zum Nachbarn. Auch dienen Armlehnen dem seitlichen Halt und der Abstützung. Aufgrund der oft geringen Größe des Raumes, sieht die Wartezimmersituation im Alltag eher bescheiden aus. Meist ist zu wenig Platz für richtige Sessel sodass man zum Stuhl greifen muss, um mehr Sitzplätze im Raum zu schaffen. Stühle sind von der Breite und Tiefe kleiner und meist höher als Sessel. Man sitzt meist aufrechter. Was aber im Großen und Ganzen kein großer Nachteil sein muss. Letztlich entscheidet die Ergonomie der Stuhls über das Wohlgefühl beim Sitzen. Die weiteren raumbildenden Elemente, Farben, Licht und Akustik tragen zu einer positiven Atmosphäre bei und beeinflussen den Gemütszustand der Patienten.

 

Die Geschichte hinter dem Stuhl


Der Vielfalt der Stühle ist zu verdanken, dass man für jeden Einrichtungs-Stil den passenden Stuhl finden kann. Denn neben der Funktion ist die Stilrichtung der Möbel im Raum ein wichtiges Ziel. Die Bestuhlung kann aber mehr als eine ästhetische Aussage vermitteln. Die Bestuhlung kann z.B. auch Wertschätzung vermitteln und der Unternehmensidentität dienlich sein. Bei einer Unternehmenseinrichtung geht es nicht nur darum, eine Funktion in der Innenarchitektur zu erfüllen, sondern auch im gleichen Maße die Marketingstrategie dreidimensional zu unterstützen. Dieser Vorgang benötigt mehr Zeit und wird bei der Planung auch gern von Architekten und Innenarchitekten unserer Zeit vernachlässigt. Dabei geht es eigentlich nur darum, die Details der Innenarchitektur und die Unternehmensidentität auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Manchmal sind es Charakterzüge, Arbeitsweisen oder Werte, die Gestalter und Arzt verbinden. Auch kann eine intellektuelle, kulturelle, ästhetische oder sogar emotionale Verbindung resultieren. Sie sehen, in einem Stuhl steckt sehr viel mehr als eine einfache Funktion. Stühle leben u.a. vom Ausdruck, von Idealen, Haltungen, Auseinandersetzungen und Wertvorstellungen ihrer Gestalter und Hersteller.


Wenn man sich mit Stühlen und Design allgemein auseinandersetzt, dann erfährt man zudem viel über die Zeit des Design-Prozesses und über das Denken und sogar fühlen der Gestalter und ihrer Umwelt. Die Ergebnisse sind immer im sozialen, politischen, gesellschaftlichen, kulturellen, modischen und technologischen Zusammenhang zu verstehen. Diese Faktoren haben schon immer das Designergebnis aller Produkte beeinflusst und der Stuhl ist ein sehr gutes Beispiel.

Die hier vorgestellten Modelle und ihre Schöpfer waren ihrer Zeit weit voraus. Sie haben unverwechselbare Design-Ikonen geschaffen die mindestens seit einem halben Jahrhundert produziert werden und nicht nur weltweit mit Design-Preisen überhäuft wurden sondern noch immer modern und zeitgemäß sind.


Die Geschichte des Designs hat ihren Ursprung im Kunstgewerbe und hat sich mit den historischen und industriellen Veränderungen stets weiter entwickelt. Georg Nelson hat schon 1953 dazu folgendes gesagt:

 

„Jede wahrhaft schöpferische Idee – jede Innovation im Design, jede neue Verwendung von Materialien, jede technische Erfindung in der Möbelherstellung – hat ihren bedeutsamen Ausdruck in einem Stuhl gefunden.


Im Gleichklang mit den Entwicklungen in Technik und Architektur hat sich in den letzten 150 Jahren eine gewaltige Formen-, Material- und Herstellungsvielfalt entwickelt. Vor dieser Zeit war der Stuhl aus Holz gefertigt und meist rechtwinklig gehalten. Die Funktion stand hier bei der Masse im Vordergrund.

Man kann sagen, dass die erste Technologie- und Formrevolution 1830 ihren Ursprung fand. In einer Handwerkstatt in Boppard am Rhein experimentierte Michael Thonet an neuartigen Holzbiegetechniken. Der Durchbruch zur industriellen Fertigung, bei dem die neuartige Technologie des Biegens von Buchenholz zum Einsatz kam, gelang Michael Thonet 1859 mit dem Stuhl Nr. 14, heute besser bekannt als der „Wiener Caféhaus-Stuhl“.

Der Wiener Café-Haus-Stuhl, Quelle: Thonet AG

 

Erstmals fand Arbeitsteilung in der Möbelherstellung statt. Die Arbeitsschritte waren industriell standardisiert. Überdies war der Wiener Caféhaus-Stuhl einfach zu zerlegen und so platzsparend zu transportieren. All dies verhalf dem modernen Stuhl nicht nur zu einem attraktiven Preis sondern auch zu einem Alleinstellungsmerkmal. Zudem traf Thonet auch noch den Zeitgeist, die Nachfrage war hoch. Fürst Metternich wurde auf Thonet aufmerksam und holte ihn bereits 1842 nach Wien. Der Wiener Caféhaus-Stuhl wurde ein begehrtes Massenprodukt, welches bis heute produziert wird und 60 Millionen Mal verkauft wurde. Die unzähligen Plagiate natürlich nicht mitgerechnet. Tonet steht exemplarisch für Pioniergeist und für Überzeugung. 29 Jahre hatte es gedauert, den Wiener Caféhaus-Stuhl zur Serienreife zu verhelfen. Viele weitere Modelle sollten folgen.

 

 

 

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